
Erwähnte Spiele: Mexiko – Tschechien 3:0, Haiti – Marokko 2:4, Algerien – Jordanien 2:1, Portugal – Usbekistan 5:0, Brasilien – Schottland 3:0, England – Ghana 0:0
Kaum hat man sich an all die Nationen gewöhnt, fahren die ersten auch schon heim. Mir ist es vor allem bei Jordanien so gegangen, ach, sind die auch dabei?, war der Effekt. Na ja, sind auch viele diesmal… Ist halt Amerika, ich meine, Nord-Amerika, da gibt es alles in over-size, sonst wird das erst gar nicht wahrgenommen. Tja, Jordanien, ich habe mal im Flughafen von Budapest eine Jordanierin getroffen, mit der ich gleich ins Gespräch gekommen bin. Das war auch kein Wunder, denn wir waren die einzigen, die sich für einen Anschlussflug auf dem falschen gate eingefunden hatten. So etwas schweißt zusammen. Bei Algerien wiederum fällt mir unweigerlich Albert Camus ein, dessen Biographie ich im letzten Sommer durchgeackert habe (1050 Seiten auf Französisch), der war auch ein großer Fußballfan. Jordanien und Algerien haben ja noch einen Auftritt, Tschechien jedoch nicht mehr.
Jemand schaut nachts zu
Ist egal, das sieht eh keiner, denke ich mir noch, bei der Anstoßzeit (3h MESZ), das ist selbst für die penetrantesten Frühaufsteher im Land zu zeitig. Und Karel Poborský, der Lupffuß der Silber-EM 1996, hat die Mannschaft als langweiligste des Turniers abqualifiziert, das weckt nun auch nicht gerade großes Interesse. Was erfahre ich am Morgen danach? Meine erste Kundin bekennt sich dazu, die zweite Halbzeit, die schlechtere, gesehen zu haben. Sie sei von selbst aufgewacht und habe sich dann vor den Fernseher gesetzt, behauptet sie. Wäre sie doch mal lieber liegen geblieben, vielleicht wäre der Schlaf ja wieder gekommen. Ganze Horden von Männern hätten nachts in Restaurants ausgeharrt, um dem Sterben der letzten Hoffnung beizuwohnen. Wo sie die wohl gefunden hat? Nun ja, der Fußball war genau so schlecht wie befürchtet, berichtet mein zweiter Kunde, der eigens dafür aufgestanden ist. Nun freut er sich auf bessere Spiele und tippt auf Frankreich als Weltmeister.
Wird Frankreich taktieren?
Ich bin dagegen. Denn die spielen doch im Achtelfinale wahrscheinlich gegen Deutschland, wenn beide weiterkommen. Ja nun, habe ich tags zuvor von einem Franzosen erfahren, im Land berät man noch, ob es besser ist, Gruppenerster zu bleiben oder zweiter zu werden, um das zu vermeiden. Ist das denn überhaupt möglich? Mit meinem zweiten Kunden, nicht dem Franzosen, studiere ich den Spielplan. Norwegen gegen Frankreich, so lautet das letzte Gruppenspiel. Na ja, gegen Haaland kann man schon mal verlieren, wenn es um nicht mehr so viel geht. Das würde nicht gleich eine Staatskrise auslösen – wobei man sich natürlich auch fragen könnte, ob das in Frankreich überhaupt noch jemandem auffällt.
Scheiß-Brasilien
Mein Abend beginnt aber ganz anders, denn ich suche eine Möglichkeit, das Brasilien-Spiel zu sehen. Egal, was ich versuche, die Fernsehsender präsentieren nur das Parallelspiel (letzte Gruppenspiele, Wettbewerbsverzerrung und so) Haiti gegen Marokko. Scheiß Brasilien maule ich herum eingedenk der deutschen Fans auf der Berliner Fanmeile nach dem WM-Finale 2002. Die skandierten damals auch noch so schön: „Es gibt nur einen Scheiß-Ronaldo“ in einer eingängigen Melodie, die Fußballfans bereits in der Wiege einsaugen. Tja, damals war das noch der letzte Stand des Fußball-Defätismus. Heute müsste man denn singen: „Es gibt zwei Scheiß-Ronaldos!“, was dann leider nicht mehr so eingängig klingt.
CR7 ist ältester Doppelpacker bei einer WM
Der zweite Scheiß Ronaldo, mit Vornamen CR7 – klingt ein bisschen wie ein Computerprogramm – hat nach Ewigkeiten für seine Farben Grün-Rot wieder ein WM-Tor geschossen. Zu diesem Ereignis verirre ich mich ins deutsche Fernsehen und bekomme die Lösung des Rätsels nach der Motivation des Spielers C. Ronaldo präsentiert. Nein, es ist nicht der Ehrgeiz, nach der ersten mit Fußball verdienten Milliarde noch eine mehr zu scheffeln. Das kann den C. Ronaldo nicht reizen. Es ist auch nicht die Befriedigung einer Aufmerksamkeitssucht. Das treibt ja manchmal erstaunliche (Stil-)Blüten. So redete der frühere Fußballstar Z. Ibrahimovic von sich selbst nur in der dritten Person. Ich meine, ich habe das bei C. Ronaldo auch schon mal gehört. Nein, das Geheimnis liegt ganz woanders. Es liegt darin, in immer neuen Statistiken geführt zu werden! C. Ronaldo will sein zweites Tor in diesem Spiel nur deshalb, um endlich der älteste Spieler zu sein, dem bei einem WM-Spiel ein Doppelpack gelingt! So sieht es nämlich aus, denn das sind Eintragungen für die Ewigkeit!
Halbzeitshow aus der siebten Klasse
In der Halbzeitpause bleibe ich noch etwas beim deutschen Fernsehen hängen und erlebe, wie die Moderatorin auf dem Niveau von Bravo-Girl (gibt’s die frühere Institution zur Lösung von Pubertätsproblemen eigentlich noch?) ihren Gesprächspartner Robin Goosens, ehemaliger Nationalspieler und auch Gegenspieler von C. Ronaldo, zu einem Fan-Boy degradiert. „Oh, wie war das denn damals in der Kabine, hast du auch das Trikot bekommen? Wo hängt das denn jetzt bei dir? Erzähl doch, wie fühlen sich denn die Schweißtropfen von ihm an, wenn man hinter ihm herhechelt? Und hat er dir auch auf die Fußballschuhe gerotzt? Das hast du doch dann nicht etwa abgewischt?“ – Uff, ist das wirklich das, was der deutsche Fernsehzuschauer (generischer Maskulin, ätsch) in der Halbzeitpause hören möchte?
Statt mal wieder die alte Geschichte auszupacken, was eigentlich mit der Strafuntersuchung im Fall der Vergewaltigung vor rund 20 Jahren in Las Vegas geworden ist? Die Anwälte haben das ja mehr oder weniger klar zugegeben und dem Opfer mit Schweigegeld den Mund gestopft. Sie hat das genommen, doch Jahre später festgestellt, dass es zu wenig für den erlittenen seelischen Schaden war. C. Ronaldo habe ja auch nicht die anatomische dafür vorgesehene Körperöffnung missbraucht, sondern habe knapp daneben getroffen, was ihm beim Torschuss auch schon mal passiert. (Ist das nicht in einigen US-Staaten verboten und wird mit Penisamputation bestraft? Andererseits ereignete sich der Vorfall in Las Vegas, der Bundesstaat Nevada ist doch eher liberal, was solche Dinge betrifft.)
Der Fall wurde Jahre später wieder aufgerollt, doch die Anklageschrift konnte dem Übeltäter nie zugestellt werden, da die Briefträger im Raum Turin partout nicht in Erfahrung bringen konnten, in welcher Villa über der Stadt dieser denn jetzt residiert. Das war zu der Zeit, als C. Ronaldo seinen früheren Arbeitgeber in Madrid in einer Nacht-und-Nebel-Aktion gen Italien verlassen hatte, weil ihm Ungemach der spanischen Steuerbehörden drohte. Es gibt eben nicht nur einen Scheiß-Ronaldo.
Nachwuchsförderung bei der ARD
Ne, stattdessen kichert die Moderatorin über ihrem Schwangerschaftsbauch durch die Lobhuldigungen und Fanverehrung. Goosens, einer der letzten Fußballer, der noch selbständig denken kann, da er nicht in einem Leistungszentrum ausgebildet worden ist, macht gute Miene zum albernen Spiel und ich beschließe, in der zweiten Hälfte lieber einkaufen zu gehen. Wozu sich Portugal gegen Usbekistan anschauen, eine Mannschaft, deren Spieler die Auslandserfahrung in der ersten Liga des Iran sammeln. Dabei komme ich nicht dahinter, ob der Schwangerschaftsbauch nun eine wenig subtile Maßnahme der Nachwuchsförderung sein soll, oder die Sendeanstalt damit nachweisen möchte, wie hart hier gearbeitet wird, da kennt man das Wort „Mutterschutz“ nicht. Jeder Cent des Rundfunkbeitrags ist das Wert.
Unerwartetes Spektakel
Zurück zum Thema. Scheiß-Brasilien kann ich mir nicht anschauen, nehme ich also, was ich bekommen kann. Haiti gegen Marokko. Das wird völlig unerwartet zum spektakulärsten Spiel der Vorrunde (bisher zumindest). Haiti macht ordentlich Dampf, sie haben nichts mehr zu verlieren, sind schon ausgeschieden, aber motiviert bis in die Rasta-Zöpfe. Der Torwart ist gerade mit Bastia aus der zweiten französischen Liga abgestiegen, an ihm dürfte es aber nicht gelegen haben. Nach ein paar Minuten führen die Haitianer, den späteren Ausgleich kontern sie mit einem wahren Kracher in den Winkel, nur in der zweiten Hälfte fallen sie nach und nach ab. Vor allem Hakimi, Spieler des Katar-Clubs PSG mit Sitz in Paris und somit gerade zwei Mal hintereinander Champions-League-Sieger, ackert für drei und sorgt mit einem Tor und einer Vorlage schließlich für den Favoriten-Sieg. Tschüs, Haiti, die zwei Stunden zwischen Mitternacht und frühen Morgenstunden waren echt keine vergeudete Zeit (anders als beim Spiel England – Ghana, bei dem ich mehr gegen den Schlaf kämpfen musste als mancher Verteidiger mit seinem Gegenspieler; ach, England!)