Der Autor

Gerd Lemke, Jahrgang 1969, lehrte als Lektor für Germanistik an der Karls-Universität in Prag und lebt dem eigenen Empfinden nach eigentlich schon zu lange in der tschechischen Hauptstadt. Nach einem zweijährigen Auslandsaufenthalt im Kosovo kehrte er dennoch freiwillig zum "Mütterchen mit den Krallen" an die Moldau zurück.

Seinen Geburtstag teilt er mit dem Europameister von 1980, Karl-Heinz Förster. Er ist leidenschaftlicher Literat, glaubt wie Albert Camus, alles im Leben durch das Fußballspiel gelernt zu haben, hat aber im Gegensatz zum großen Existenzialisten nur ein einziges Spiel als Torwart bestritten. Ansonsten tritt er regelmäßig für Partisan Prague gegen das Leder und trifft als stellungssicherer Verteidiger auch schon mal das eine oder andere Schienbein. Für sein Lieblingsteam, die sporadische Zusammenkunft Umělecká Letná, hilft er gerne und treffsicher im Sturm aus.

Im Jahr 2006 hatte er bereits das Sommermärchen in Deutschland und und seit dem alle zwei Jahre die großen Fußballtourniere von Prag aus beobachtet und kommentiert, mit einer täglichen Kolumne für Tschechien Online.

Für prag aktuell ist er bei der Fußball-WM in Russland 2018 wieder hart am Ball, wenn es um Tricks, Täuschungen und Taktik im weiteren Sinn geht: Sportsfreund Gerd Lemke.

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Weitere Einträge

WM-Kolumne aus Prag: Halbfinale: Frankreich – Belgien 1:0, England – Kroatien 1:2 n.V., kleines Finale: Belgien – England 2:0, großes Finale: Frankreich – Kroatien 4:2
WM-Kolumne aus Prag: Viertelfinale: Frankreich – Uruguay 2:0, Belgien – Brasilien 2:1, England – Schweden 2:0, Kroatien – Russland 2:2 n.V., 4:3 i.E.
Achtelfinale 3+4: Brasilien – Mexiko 2:0. Belgien – Japan 3:2; Schweden – Schweiz 1:0, England – Kolumbien 1:1 n.V. 4:3 i.E.
Russland – Spanien 1:1 n.V., 4:3 i.E., Kroatien – Dänemark 1:1 n.V., 3:2 i.E.
WM-Kolumne aus Prag: Frankreich – Argentinien 4:3, Uruguay – Portugal 2:1
WM-Kolumne aus Prag: F – DK 0:0, Peru – Australien 2:0, Argentinien – Nigeria 2:1, HR – IS 2:1, D – Südkorea 0:2, S – Mexiko 3:0, Brasilien – SRB 2:0, Costa Rica – CH 2:2, PL – Japan 1:0, Senegal – Kolumbien 0:1, England – BE 0:1, Tunesien – Panama 2:1
WM-Kolumne aus Prag: Russland – Uruguay 0:3, Ägypten – Saudi Arabien 1:2, Spanien – Marokko 2:2, Iran – Portugal 1:1
WM-Kolumne aus Prag: England – Panama 6:1, Japan – Senegal 2:2, Polen – Kolumbien 0:3
WM-Kolumne aus Prag: Belgien – Tunesien 5:2, Südkorea – Mexiko 1:2, Deutschland – Schweden 2:1
WM-Kolumne aus Prag: Dänemark – Australien 1:1, Frankreich – Peru 1:0, Argentinien – Kroatien 0:3
WM-Kolumne aus Prag: Kolumbien – Japan 1:2, Polen – Senegal 1:2, Russland – Ägypten 3:1
WM-Kolumne aus Prag: Schweden – Südkorea 1:0, Belgien – Panama 3:0, England – Tunesien 2:1
WM-Kolumne aus Prag: Serbien – Costa Rica 1:0, Deutschland – Mexiko 0:1, Brasilien – Schweiz 1:1
Frankreich – Portugal 0:1 n.V.
Frankreich – Deutschland 2:0
Portugal – Wales 2:0
Frankreich – Island 5:2
Deutschland – Italien 1:1 n.V., x:x-1 i.E.
Wales – Belgien 3:1
Polen – Portugal 1:1 n.V., 3:5 i. E.
Spanien – Italien 0:2, England – Island 1:2
Frankreich – Irland 2:1, Deutschland – Slowakei 3:0, Ungarn – Belgien 0:4
Polen – Schweiz 1:1 n.V., 5:4 i.E., Wales – Nordirland 1:0, Kroatien – Portugal 0:1 n.V.
Portugal – Ungarn 3:3, Österreich – Island 1:2, Irland – Italien 1:0, Schweden – Belgien 0:1
Deutschland – Nordirland 1:0, Polen – Ukraine 1:0, Tschechien – Türkei 0:2, Spanien – Kroatien beim Stande von 1:2 nicht weiter verfolgt
England – Slowakei 0:0, Russland – Wales 0:3
Albanien – Rumänien 1:0, Frankreich – Schweiz 0:0
Schweden – Italien 0:1, Tschechien – Kroatien 2:2, Spanien – Türkei 3:0 | Irland – Belgien 0:3, Ungarn – Island 1:1, Österreich – Portugal 0:0
England – Wales 2:1, Nordirland – Ukraine 2:0, Deutschland – Polen 0:0
Slowakei – Russland 2:1, Rumänien – Schweiz 1:1, Frankreich – Albanien 2:0
Österreich – Ungarn 2:0, Portugal – Island 1:1
Spanien – Tschechien 1:0, Irland – Schweden 1:1, Italien – Belgien 2:0.
Kroatien – Türkei 1:0, Nordirland – Polen 0:1, Deutschland – Ukraine 2:0
Albanien – Schweiz 0:1 (reimt sich sogar), Wales – Slowakei 2:1 und England – Russland 1:1. Alle gesehen von Gerd Lemke.
France – Romania 2:1
Tag 24: Kleines Finale: Holland – Brasilien 3:0
Tag 23: Halbfinale: Argentinien – Holland 4:2 i. E.
Tag 22: Halbfinale: Brasilien – Deutschland 1:7
Tag 21: Viertelfinale: Argentinien – Belgien 1:0, Holland – Costa Rica 4:2 i. E.
Tag 20: Viertelfinale: Deutschland – Frankreich 1:0, Brasilien – Kolumbien 2:1
Tag 19: Achtelfinale: Argentinien – Schweiz 1:0 n.V., Belgien – USA 2:1 n.V.
Tag 18: Achtelfinale: Frankreich – Nigeria 2:0, Deutschland – Algerien 2:1 n. V.
Tag 17: Achtelfinale: Holland – Mexiko 2:1, Costa Rica – Griechenland 6:4 i. E.
Tag 16: Achtelfinale: Brasilien – Chile 4:3 i.E., Kolumbien – Uruguay 2:0
Tag 15: Deutschland – USA 1:0, Portugal – Ghana 2:1, Algerien – Russland 1:1, Belgien – Südkorea 1:0
Tag 14: Argentinien – Nigeria 3:2, Bosnien und Herzegowina – Japan 3:1, Frankreich – Ecuador 0:0, Schweiz – Honduras 3:0
Tag 13: Uruguay – Italien 1:0, Costa Rica – England 0:0, Griechenland – Elfenbeinküste 2:1, Kolumbien – Japan 4:1
Tag 12: Holland – Chile 2:0, Spanien – Australien 3:0, Mexiko – Kroatien 3:1, Brasilien – Kamerun 4:1
Tag 11: Belgien – Russland 1:0, Algerien – Südkorea 4:2, USA – Portugal unentschieden
Tag 10: Argentinien – Iran 1:0, Ghana – Deutschland 2:2, Nigeria – Bosnien und Herzegowina 1:0
Tag 9: Costa Rica – Italien 1:0, Frankreich – Schweiz 6 (oder waren es doch nur 5?) :2, Ecuador – Honduras 2:1
Tag 8: Kolumbien – Elfenbeinküste 2:1, Uruguay – England 2:1, Griechenland – Japan 0:0
Tag 7: Holland – Australien 3:2, Chile – Spanien 2:0, Kroatien – Kamerun 4:0
Tag 6: Belgien – Algerien 2:1, Brasilien – Mexiko 0:0, Russland – Südkorea 1:1
Tag 5: Deutschland – Portugal 4:0, Nigeria – Iran 0:0, USA – Ghana 2:1
Tag 4: Schweiz – Ecuador 2:1, Frankreich – Honduras 3:0, Argentinien – Bosnien und Herzegowina 2:1
Tag 3: Kolumbien – Griechenland 3:0, Costa Rica – Uruguay 3:1, Italien – England 2:1, Elfenbeinküste – Japan 2:1
Tag 2: Mexiko – Kamerun 1:0, Holland – Spanien 5:1, Chile – Australien 3:1
Tag 1: Brasilien – Kroatien 3:1
Gerd Lemkes WM-Tagebuch: Viertelfinale England - Portugal, Frankreich - Brasilien

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| Gerd Lemke | Rubrik: Fußball | 14.7.2014

Geschafft! Deutschland ist Weltmeister

Tag 25: Finale: Deutschland – Argentinien 1:0 n.V.

Prag - Es ist vollbracht! Mann, das war aber auch ein schweres Spiel gegen Argentinien, das erwartet schwere Spiel natürlich. Niemand hat sich blenden lassen von diesem absurden Halbfinalsieg gegen Brasilien, das war kein Maßstab. Andererseits hatte Deutschland es so leichter, einen Tag länger Pause vor dem Finale, keine Verlängerung und überhaupt einen Gegner zum Aufwärmen. Jedoch sollte man aber auch nicht vergessen, dass Deutschland sehr spät ins Turnier eingestiegen ist, am zweitletzten Tag der Gruppenphase, Spieltag eins. Das hat dann das Turnier etwas komprimiert. Aber egal.

Natürlich kann ich den ganzen Sonntag lang nichts so richtig mit mir anfangen, was auch? Den hübschen Frauen im Park hinterherschauen? Ja, sie sehen in ihren Sommerkleidern schön aus, keine Frage. Noch mehr Vorberichte im Internet lesen? Geschenkt, alle schreiben ja eh dasselbe und wissen kann es vorher niemand, nur ein wenig unken, aber nicht zu deutlich. Nirgends lese ich, dass Khedira nicht mitspielen kann, überall aber, dass es eine kleine Chance für di María gibt. Nebelkerzen all das Geschreibsel, Platzfüller.

Geopolitische Lage

Natürlich kann ich den ganzen Sonntag lang nichts so richtig mit mir anfangen, was auch? Den hübschen Frauen im Park hinterherschauen? Ja, sie sehen in ihren Sommerkleidern schön aus, keine Frage. Noch mehr Vorberichte im Internet lesen? Geschenkt, alle schreiben ja eh dasselbe und wissen kann es vorher niemand, nur ein wenig unken, aber nicht zu deutlich.

Nachmittags gießt ein herzerfrischender Regen über die Stadt mit den hundert Türmen, es kühlt ab, ich sitze unter einem Sonnenschirm, friere ein wenig in meinem T-Shirt und rede über die Probleme der Welt. Während der We Em hat sich ein bedrohlicher Krieg zwischen Israel und den Palästinensern entwickelt. Eigentlich nichts Neues, doch diese Konfrontation birgt Eskalationspotential. Nicht weit davon entfernt, in Syrien geht das bürgerkriegliche Schlachten munter weiter, das geht nun schon mindestens drei Jahre so und ein Ende ist nicht in Sicht. Im Irak deutet sich eine neue Machtverschiebung an, die Sunniten möchten wieder die schiitische Mehrheit unterdrücken, in Afghanistan sind vier tschechische Soldaten ums Leben gekommen und in Brasilien wird es sicherlich nach Ende der We Em richtig rund gehen. Währenddessen riskiert Deutschland eine härtere Gangart mit den Freunden aus den USA in der Spionageaffäre. Und Putin schaut zufrieden auf die östliche Ukraine, wo prorussische Separatisten die ukrainische Armee blamieren.

Auch Fußball wird gespielt

Währenddessen spielen Deutschland und Argentinien das Finale der We Em und es wird das erwartet enge Spiel. Am Ende gewinnt Deutschland, weil es Argentinien zunehmend zuschnürt, bis dann endlich die Lücke gefunden ist. Götze, Mario Götze macht dieses Tor, ein wunderschönes, Ballannahme mit der Brust, Volleyschuss aus der Halbdrehung am Torwart vorbei ins lange Eck. Es ist so die einhundertfünfzehnte Minute, Götze erst ein paar Minuten auf dem Platz. Und dann sieht man diesen Götze in seiner ganzen Stärke. Der versteht noch gar nicht, was das für ein Spiel ist. Dieser Götze ist einfach nicht von dieser Welt, man möchte alle um ihn herum einfach nur warnen, bitte nicht aufwecken. Diese unglaubliche Unbeschwertheit in einem solchen Moment ist einfach unfassbar. Mögen Trainer wie Guardiola oder Löw auch noch so sehr an dir verzweifeln, weil sie dein ganzes Potential ausschöpfen möchten, bleib so, Mario! Im ganzen Turnier kritisiert, aber trotzdem ein Tor geschossen – gegen Ghana, Kopfball ans eigene Knie – jetzt der absolute Matchwinner. Solch einen Spieler konnte Argentinien nicht von der Bank bringen.

Argentinien erwartet stark

Aber natürlich Hut ab vor Argentinien, sie haben Deutschland alles abverlangt, äußerste Konzentration in der Defensive, harte Arbeit im Mittelfeld und höchste Belastbarkeit im Angriff. Statt Khedira beginnt Mönchengladbachs Laufwunder Kramer, doch die Gauchos hauen ihn bereits nach einer halben Stunde vom Platz, Gehirnerschütterung. Und jetzt macht Löw etwas, was ich ihm absolut nicht zugetraut hätte, er bringt Schürrle und ändert damit die Taktik. Und dieser Schürrle ist großartig, ich werde zunehmend ein Fan von ihm. Ein Wunsch-Spieler von Jose Mourinho kann einfach nicht schlecht sein. Man mag über den Portugiesen denken, was man will, doch er hat ein untrügliches Auge für Spieler.

Harte Arbeit wird verlangt

Was kann man eigentlich über das Spiel sagen? Es ist intensiv, es gibt kaum Torchancen, Deutschland übernimmt die Initiative, Argentinien ist immer wieder gefährlich, Messi findet kaum statt. Dennoch, diese argentinische Chance in der Anfangsphase, nach einem üblen Fehlpass, doch der argentinische Stürmer, es müsste Higuain gewesen sein, ist genauso überrascht wie die Milliarden Fernsehzuschauer. Da stockt mir doch der Atem. Argentiniens Lauerfußball bleibt lange gefährlich. Aber wenn man Schweinsteigers Spiel sieht, diese Leidensbereitschaft, dann findet man Frank Lampards Ansicht nur bestätigt, dieser Schweinsteiger ist ein ganzer Kerl. Niemand sollte ihn mehr Basti oder Schweini nennen, er holt das Letzte aus seinem Körper heraus. Bastian Schweinsteiger, tausend Dank! Auch Klose rackert, wie er nur kann. Ihm gelingt in diesem Spiel nicht das entscheidende Tor, doch der Mann ist einfach Legende, bester Torschütze der deutschen Nationalmannschaft, bester We Em Torschütze – hier fügt man gerne an, aller Zeiten, doch das kann sich schnell ändern – ein Muster an Disziplin. Es heißt, dass er sich sogar noch selbst die Fußballschuhe putzt, nach dem Training und nach dem Spiel. Wer ohne geputzte Fußballschuhe zum Spiel kommt, zahlt fünf Mark in die Mannschaftskasse.

Emotionen pur

Das deutsche Spiel ist eigentlich aus einem Guss, es fehlt einzig lange der Abschluss. Ich fiebere so sehr mit wie 2010 und verfalle unweigerlich in mein Küchen-Rumänisch, schön anzuhören ist das sicherlich nicht und befremdet meine Umgebung etwas, natürlich schaue ich in Fred’s Bar, wo sonst, nach dem nachmittäglichen Regenguss, der die Option Rieger-Park ausschließt. Eigentlich sind so ziemlich alle da, Indonesien-Rudi, Irland-Carl, Kip, Keith, Lexa sowieso, Nick natürlich und John, Tomáš und und und, dazu noch ein Deutscher aus Frankfurt und so weiter und so fort, ich kann mich kaum daran erinnern. Ich stoße immer wieder aus, Scheiß Argentinien, ausgerechnet Scheiß Argentinien und möchte das als allerhöchste Wertschätzung für den Gegner verstanden wissen. Immer wieder regt es mich auf, dass ausgerechnet ein italienischer Schiedsrichter pfeift, weiß man doch, dass argentinische Spieler Italien den We Em Titel 1934 und 1938 geschenkt haben, die halbe italienische Mannschaft bestand damals aus Argentiniern. Nun ja, der Schiedsrichter macht keinen groben Fehler und ist so ziemlich das, was man von einem Schiedsrichter erwartet: neutral. Argentinien ist ja nun auch nicht gerade der Lieblingsgegner Italiens, wenn diese beiden Mannschaften gegeneinander spielen, geht es stets heiß her auf dem Platz. In diesem Spiel, Deutschland gegen Argentinien im We Em Finale, zum dritten Mal, bleibt es aber weitgehend fair.

Abwehr aus Granit

Natürlich werde ich in diesem Spiel wieder zum Raucher, wie soll man diese Spannung auch sonst aushalten? Deutschland spielt etwas besser, beißt aber bei der argentinischen Abwehr auf Granit, während Argentinien seine Gefährlichkeit in den Kontern stets andeutet. Deutschlands Spiel sieht richtig gut aus, diese Ballsicherheit, das Spielverständnis und das alles überragende mannschaftsdienliche Denken. Das Spiel erinnert in einigem an das letzte Finale zwischen Spanien und Holland, nur dass van Bommel nicht dabei ist und auf dem Platz kontrolliert Amok läuft. Den jungen Kramer erwischt es, wie gesagt, nach einem harten Luftkampf. Aber der bewegte sich noch in dem Rahmen dessen, was wir bei dieser We Em ständig gesehen haben. Schön sind diese Ellbogeneinsätze und Kopfstöße nicht.

Miroslav Klose verlässt das Feld

Ja, ja, ja, dann kommt irgendwann eben Götze, Klose geht vom Feld, in seiner allerletzten We Em-Begegnung. Sag niemals nie, aber in vier Jahren, da wäre er vierzig, da wird er wohl nicht mehr mitspielen. Vier Weltmeisterschaften gespielt, zwei Finale, stets im Halbfinale, theoretisch macht das 28 Spiele, so viele kommen nicht ganz zusammen, aber egal. Sechzehn Tore geschossen, darunter kein einziger Elfmeter oder Freistoß, alle aus dem Spiel heraus. Mit zwanzig Jahren spielte er noch in der Kreisliga bei Blaubach-Irgendwas in der Pfalz, im Dunstkreis des Betzenbergs und des sensationellen We Em-Siegs 1954. Von Kaiserslautern ging es nach Bremen, von Bremen zu den Bayern, wo er oft auf der Ersatzbank schmorte, schließlich zu Lazio Rom. Italien ist ja das Paradies für alternde Spieler, die aber immer noch auf der Höhe ihrer Schaffenskraft sind. Nirgendwo sonst würde man Andrea Pirlo die Verantwortung für das ganze Spiel anvertrauen. Klose muss nicht mehr jede Minute auf dem Platz stehen, er muss nicht mehr zeigen, wie antrittsstark er trotz seines Alters immer noch ist und dass er seinen Torsalto immer noch beherrscht. Bei Lazio, dem italienischen Verein mit den nicht ganz so großen Ambitionen, schätzt man ihn und achtet ihn. Vor zwei Jahren hat er im Derby gegen AS Rom in der letzten Minute den Siegtreffer für Lazio gemacht – natürlich mit dem Kopf. Für diese besonderen Moment schätzt ihn die Fans. Aber Klose wird weniger als Vereinsspieler in Erinnerung bleiben, sondern als der Spieler seiner Lieblingsmannschaft, als Spieler von Deutschland. Viele Spiele fehlen nicht mehr, dann könnte er Lothar Matthäus Rekord von 150 Länderspielen erreichen. Klose sagt, er tritt nicht notwendigerweise zurück, er spielt, so lange es ihm Spaß macht und er sein Niveau halten kann. Wenn er dann der deutschen Nationalmannschaft nochmals helfen kann, sich für die nächste E-Em zu qualifizieren, dann sei es so. Klose ist überhaupt ein We Em-Phänomen, bei der E-Em 2004 spielte er unterirdisch, 2008 gelang ihm das etwas besser, 2012 fiel er wieder ab. Nun fand die E-Em 2008 auch in der Ukraine und in seinem Heimatland, in Polen statt. Das war für ihn und auch für Podolski schon etwas Besonderes. Eine glanzvolle E-Em, das würde ihm noch fehlen, genauso wie ein Champignon-Liga-Titel. Der wird ihm wohl verwehrt bleiben. Einen europäischen Titel, den hätte er mit Bremen gewinnen können, er hat in diesen Wechselwirren, als er zu den Bayern ging und wochenlang nichts gesagt hat und auf dem Platz sichtlich neben sich gestanden hat, dafür gesorgt, dass Werder im Halbfinale des Uefa-Cups, heute Europa-Liga, gescheitert ist, das war wohl gegen Espanol Barcelona, die anschließend im Finale gegen FC Sevilla scheiterten, wenn ich mich recht erinnere.

Ja, die Leistungslochs, in die Klose in seiner Karriere ebenfalls gefallen ist, haben verhindert, dass er bei einem großen Klub über Jahre hinweg glänzen konnte. Bei den Bayern spielte er, dann spielte er wieder nicht, dort spielte ja auch Mario Gomez, der normalerweise auch in diese Mannschaft gehört hätte, doch wurde dieser nach seiner Seuchensaison nicht rechtzeitig fit.

Alles über Klose

Klose verabschiedet sich von seiner Lieblingsveranstaltung, der Weltmeisterschaft. Seine Bilanz ist sagenhaft, Weltmeister, Vize-Weltmeister, zwei dritte Plätze, sechzehn Tore. Pele wurde zwar drei Mal Weltmeister, wurde aber 1962 im Gruppenspiel gegen die Tschechoslowakei verletzt und konnte den Rest des Turniers nicht mitspielen. 1958 spielte er als Siebzehnjähriger, da kannte ihn noch niemand, wahrscheinlich nicht einmal der eigene Trainer. 1970 war es dann der reife Pele, der im Endspiel immer noch gut genug war, Italien ein Tor einzuschenken. Was hatte der aber auch für Nebenspieler, das darf man nie vergessen. Wenn man daran denkt, tut es einem wirklich weh, das brasilianische Team dieser We Em anschauen zu müssen. Ich kann es mir einfach nicht vorstellen, dass es in diesem fußballverrückten Land keine Talente mehr geben soll.

Götze macht den Unterschied

Stattdessen aber spielt nun Deutschland diesen spielerischen Fußball, gekrönt von diesem fantastischen Tor von Götze, das so leicht aussah, als würde man eine Tasse Kaffee einschenken. Weckt diesen Spieler bloß nicht auf, bitte nicht, lasst ihn einfach da irgendwo im leeren Raum schweben und spielen, er wird noch viele Spiele machen, in denen man sich über ihn aufregt, dann aber wird er immer wieder in solchen Momenten den Unterschied ausmachen. Guardiola muss für ihn nur die richtige Rolle finden. Götze ist kein Messi, diese unglaubliche Fußballmaschine, die in den Spielen gegen Holland und Deutschland deutlich an die Grenzen der Leistungsstärke stieß. Beide Mannschaften haben ihn im Kollektiv dermaßen gut abgeschirmt, dass ich mich an keine einzige gefährliche Aktion in immerhin vier Stunden Spielzeit erinnern kann. Messi hat für die Mannschaft gespielt, er hat aber eben nicht den Unterschied gemacht.

Hommage an Dirk Kuyt

Wenn man über Messi redet, muss man natürlich auch über Müller reden, der im Endspiel dadurch aufgefallen ist, was ihn eben auch auszeichnet, wenn er mal kein Tor schießt. Er haut sich voll in das Spiel rein, er ist einer der laufstärksten und zähesten Spieler und verrichtet dann halt Defensivarbeit. Das ist ganz groß und von keinem anderen Spieler mit dieser Torgefahr zu sehen. Sicher, van Gaal hat aus Dirk Kuyt, einst Mittelstürmer beim FC Liverpool, einen rechten Verteidiger gemacht. Doch damit hat Kuyt seine Torgefahr eingebüßt. Kuyt hat großartig gespielt und viel Druck nach vorne gemacht, keine Frage. Kuyt ist dieser Typ ehrlicher Spieler, der stets alles gibt, da sind keine Schnörkel, Hacke, Spitze, tralala, keine brutalen Fouls, aber Zweikampfhärte, keine Schauspieleinlagen, er stellt sich immer in den Dienst der Mannschaft. Ein großes Lob auch an diesen Spieler, den wir wohl bei der nächsten We Em auch nicht mehr sehen dürften.

Schaum, Torlinientechnik, Erfrischungspause

Was bleibt eigentlich von diesem Turnier? Der Schaum, der die Position der Mauer bei Freistößen und die Position des Balls markiert. Die Trinkpause nach zirka einer halben Stunde in jeder Halbzeit. Die Torlinientechnik, Suarez Bissigkeit, Pirlos entblößter Oberkörper nach dem letzten Spiel am Rande des Regenwalds, der altgediente Legionär geht geschlagen vom Feld, aber erhobenen Hauptes.

Was bleibt eigentlich von diesem Turnier? Der Schaum, der die Position der Mauer bei Freistößen und die Position des Balls markiert. Die Trinkpause nach zirka einer halben Stunde in jeder Halbzeit. Die Torlinientechnik, Suarez Bissigkeit, Pirlos entblößter Oberkörper nach dem letzten Spiel am Rande des Regenwalds, der altgediente Legionär geht geschlagen vom Feld, aber erhobenen Hauptes. Kameruns Schlägerei auf dem Platz zwischen zwei Stürmern, die gerade noch von einem Mittelfeldspieler unterbunden werden kann. Brasiliens Bankrotterklärung bei der Heim-We Em. Torschützenkönig James Rodriguez aus Kolumbien, Mexikos fantastischer Torwart Ochoa, Griechenlands unüberbietbare Dramatik, Costa Ricas Gruppensieg in einer Gruppe mit Italien, England und Uruguay. Die Szene des Turniers war für mich das Schweizer Siegtor gegen Ecuador in der letzten Minute, trotz Fouls im Mittelfeld einfach weiterzulaufen beziehungsweise sich wieder aufzurappeln und den ganz freien Raum zu nutzen, die unwiderstehliche Torchance vorzubereiten. Und dann natürlich am Ende, das ist klar, der deutsche Sieg im Finale, die Nummer vier. Jetzt haben wir wieder mit Italien gleichgezogen und Brasilien ist nur noch einen Titel entfernt. Und wir haben als erstes europäisches Team in Südamerika gewonnen. Und das vollkommen verdient. Sieben Spiele, sechs Siege, davon zwei in der Verlängerung, 18 Tore geschossen, vier kassiert, davon zwei in der Nachspielzeit, als das Spiel bereits entschieden war. Müller schießt fünf Tore, Schürrle drei, Klose, Kroos, Götze und Hummels schießen zwei, Khedira und Özil je eins. Deutschland hat einen Elfmeter bekommen – und natürlich verwandelt, keine Platzverweise und auch wenige gelbe Karten. Sie haben keine Gegenspieler aus dem Turnier getreten, die alte Kopfballstärke wiederentdeckt – Mertesacker im Deckungszentrum ist einfach ein Turm, da operierst du lieber nicht mit hohen Flanken, der Mann misst einen Meter achtundneunzig, mit Schürrle den besten Joker, der hat ja nicht nur drei Mal slebst getroffen, sondern auch noch mindestens zwei aufgelegt und natürlich mit Neuer wieder mal einen Torwart-Riesen, der das nicht oft zeigen konnte, der aber da war, als es galt. Schweinsteiger und Lahm verkörpern die Reife, Abgeklärtheit und den Siegeswillen dieser Generation, Kroos die Übersicht im Mittelfeld. Özil hat gearbeitet und gearbeitet, nicht so sehr geglänzt, aber er war da. Bei Hummels und Boateng merkt man deutlich die Reifung durch die Champignon-Liga, die ja letztlich das Maß der Dinge im Fußball darstellt. Andere, junge Spieler stehen bereit, Shkodran Mustafi war ein schlechter Scherz von Löw, bleibt zu hoffen, dass er den nicht verheizt hat. Draxler spielte ein paar Minuten, Kramer war dabei, andere blieben auf der Bank wie Durm oder Ginter, alles in allem sieht man bereits das Potential, die Stützen dieser Mannschaft zu ersetzen. Dabei geht es um Schweinsteiger, dessen Körper diese Strapazen wohl nicht mehr lange mitmacht, natürlich Klose, möglicherweise Mertesacker, Podolskis Tage in der Nationalmannschaft sind wohl auch gezählt, es ist kaum vorstellbar, dass er auf seiner Position Schürrle oder Reus vorgezogen wird. Lahm wirkt immer noch unheimlich frisch und flott, er könnte es noch zu nächsten We Em schaffen.

Alles in allem hat diese Mannschaft wie keine andere diesen Titel verdient und ich höre endlich auf zu schwelgen, es ist der vierzehnte Juli, der französische Nationalfeiertag, ein Gläschen Champagner, das ist genau das richtige, um zurück in die normale Welt und das normale Leben außerhalb der Fußball We Em zu finden.

Guten Abend allerseits.

Gerd Lemke

 

Spox: "Titel-Rausch! So lief die Weltmeister-Nacht"
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