prag aktuellprag aktuell | Rubrik: Theater, Oper, Tanz | 25.11.2015
"Das Schloss". Nach Franz Kafka, Frankfurter Schauspielhaus, 21.11.2015 auf der Neuen Bühne des Nationaltheaters, im Rahmen des 20. Prager Theaterfestivals deutscher Sprache / Von Gerd Lemke

Prag - Weißes Pulver liegt vor dem Bühnenvorhang. Das erinnert, es ist ein Wintertag, als der Landvermesser K. ins Dorf kommt. Dann geht der Vorhang auf. Aus einem kahlen Häuschen schauen dicke Köpfe heraus, überlebensgroße Masken, rund, pausbäckig, mit offenstehenden Mündern. Das Schauspiel auf der minimalistischen Bühne mit den ebenso minimalistischen Kostümen - die Schauspieler tragen weiße Kleidung und bequem an- und ablegbare Geschlechtsteile - beginnt. Gespielt werden soll die Geschichte des Landvermessers K. aus Franz Kafkas Roman "Das Schloss".

Der Text besteht aus zitierten Passagen aus dem etwas umständlichen "papierenen" Deutsch, welches die Prager Deutschen vor einhundert Jahren sprachen und das Kafka so auch schrieb. Dieser Text ist hier und da durchsetzt mit Grunzgeräuschen aus der Comicsprache und deftigen Flüchen aus dem zeitgenössischen Jugenddeutsch. Im Hintergrund läuft dazu eine Geräuschkulisse aus Ambient-Klängen.

Grunzgeräusche aus der Comicsprache

Das Projekt, Kafkas längsten Text auf die Bühne zu bringen, wirft ja stets die Frage auf, wie und vor allem was man von dem unvollendeten Text, über den der Autor verstarb, dramatisieren will. Der Romanstoff zur Erinnerung: Nachdem K. in das Dorf gelangt ist, versucht er verzweifelt, ins Schloss zu gelangen und zu demjenigen vorgelassen zu werden, der ihn mit einer Anstellung in die Gegend gelockt hat. Dazu bedient sich K. verschiedener Hilfsmittel und Personen, doch er kommt seinem Ziel nicht näher. Eine Rolle spielt dabei auch Frieda, ein Schankmädchen, mit der K. leichtfertig eine Affäre beginnt. Er spannt sie dem ex-Liebhaber Klamm aus, einem Herrn aus dem Schloss, der gelegentlich im Dorfgasthaus übernachtet. Sicherlich nicht die allerbeste Idee, um sich diese vage Verbindung zum Schloss geneigt zu machen.

Doch diesen möglichen Konflikt verfolgt Rebecca Lang, verantwortlich für die Dramaturgie, nicht weiter. Das Stück "Das Schloss. Nach Franz Kafka" konzentriert sich nahezu ausschließlich auf die simple Beziehungsgeschichte. K. und Frieda wechseln die Geschlechterrollen, dargestellt durch den Tausch der Geschlechtsteile vor einer Beischlafszene. Dann verlässt Frieda K. und kehrt in den Ausschank zurück. K. bleibt alleine auf der Bühne mit seinem Liebesschmerz zurück. Frieda, das war bloß ein "klam" für K., ein Trugbild, was das tschechische Wort auf deutsch bedeutet. Und damit ist das Stück auch schon überraschend schnell zu Ende.

Sicherlich, die Beziehungskiste steckt auch im Originaltext drin. Doch das Stück des Schauspiels Frankfurt (am Main, um Verwechslungen vorzubeugen) springt deutlich zu kurz, um in irgendeiner Weise der Vorlage gerecht zu werden. Die Ästhetik der Masken mag zwar zusammen mit dem kargen Bühnenbild und der Musik atmosphärisch dicht sein. Nur, wozu bedient man sich dafür der komplexen Vorlage des Prager Weltliteraten? Um sie mal ordentlich "durchzuficken"? - um im angebotenen Jargon der Aufführung zu bleiben. Entsprechend dünn fiel dann auch der Beifall aus, der ausschließlich aus Respekt vor der schauspielerischen Leistung gespendet wurde.

Bildnachweis:
© Karolin Back
Themen: Theaterfestival, Franz Kafka, Lokales, Prag
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