prag aktuellprag aktuell | Rubrik: Kultur, Theater, Oper, Tanz | 6.12.2016
"Buňka čislo" (Zelle Nummer) im Rahmen des 21. Prager Theaterfestivals deutscher Sprache / Von Gerd Lemke

Prag - Unfertig sieht das Theater aus, das den vielsagenden Namen Studio der Helden (Studio Hrdinů) trägt. Ein großer Raum im zweiten Keller des Messepalastes (Veletržní palác), dem Sitz der tschechischen Nationalgalerie für die jüngeren Epochen, kahler Beton, Stufen wie in einem Amphitheater, dient für Aufführungen eher experimentellen Zuschnitts. Sehr experimentell ging es am 1. und 2. Dezember zu, wo das Stück "Buňka čislo" (Zelle Nummer) seine Voraufführungen erlebte. Obwohl ausschließlich Tschechisch deklamiert wurde, fanden diese im Rahmen des 21. Prager Theaterfestivals deutscher Sprache statt. Das Bedarf einiger Erklärungen.

Der Text von Petra Hůlová beschäftigt sich mit einer der Lieblingsdisziplinen des Landes, nämlich der Nabelschau unter der Leitfrage, wer sind wir eigentlich? Anlass dazu gibt eine kurze Erzählung des mittlerweile verstorbenen luxemburgischen Schriftstellers Roger Manderscheid, "die lesung in prag". Hůlová verfasste darauf eine ebenso rasante wie sprachexperimentelle Antwort, die sich mit den üblichen von außen herangetragenen Klischees, Kafka, Havel, Bier und Golem auseinandersetzt, welche Manderscheid in seiner Erzählung zitiert. Dabei übernimmt Hůlová eine Manderscheid-Figur in ihr Drei-Frauen-Stück, die lesbische Jana, die sich irgendwann freiwillig in den Rollstuhl gesetzt hat, um aus diesem nie wieder aufzustehen. Diese Figur wiederum verweist auf die Hauptfigur aus dem Roman "Pavane für eine verstorbene Infantin" von Libuše Moníková, der tschechischen Schriftstellerin, die sich deutsch als ihre Literatursprache im Exil gewählt hat. Alleine dieser kurze Umblick lässt bereits erahnen, wie hochgradig intertextuell der Text von Hůlová kodiert ist.

Die Aufführung selbst, noch ein work in progress vor der eigentlichen Premiere im Januar, litt noch an einigen Fehlern. Das Stück wurde auf zwei Ebenen der Betontreppe inszeniert, die sich eher für die Publikumsränge eines Amphitheaters geeignet hätten. Die untere Ebene, wo die drei Schauspielerinnen der Zelle agierten, war nur für die Zuschauer in den ersten drei Rängen vollständig zu sehen, das Geschehen fand weitgehend unterhalb der Sichtlinie des Publikums statt. Weiterhin eignet sich der Text nicht für ein Publikum, das auf eingeblendete Simultanbetitelung angewiesen ist. Zu komplex und zu schnell werden hier die Unterströmungen der tschechischen Geschichte herunterdeklamiert, denn um ein Schauspiel im üblichen Sinne handelt es sich nicht. "Schluss mit Vagina-Monologen", heißt es an einer Stelle und die Schulung an Elfriede Jelinek wird dabei heranzitiert. Die österreichische Nobel-Preis-Autorin fasst ihre Stücke ja als Steinbruch auf, aus dem ein Theaterregisseur erst noch eine Skulptur heraushauen muss. Ähnliches gilt auch für "Zelle Nummer".

Auf dem Bühnenoberrand sitzt beinahe das ganze Stück über ein alter Mann, dessen Porträt in Großformat gerade angefertigt wird. Dieser soll Manderscheid darstellen, das enfant terrible der luxemburgischen Literatur. Einmal darf er von seinem bequemen Sitz aufstehen, in dem er Stellung bezieht wie der steinerne Palacký auf seinem gleichnamigen Platz am Prager Moldauufer, und aus Havels Briefen an Olga zitieren, in dem der ehemalige Staatspräsident über sein unmittelbares Verständnis für Kafka spricht. Eine wichtige Rolle spielt eine im Abfall gefundene Büste der Schriftstellerin Božena Němcová, die vielen nur noch als Autorin der schulischen Pflichtlektüre eines heute kitschverdächtigen Romans gilt (Babička bzw. Die Großmutter), deren Leben im 19. Jahrhundert allerdings alles andere als idyllisch verlief und ein grelles Licht auf die damalige angeblich gute Gesellschaft warf.

Die Inszenierung war also noch unfertig, der Text setzte sich mit der Gegenwart auseinander, der Haltung gegenüber der Migrationswelle, dem neuen Lifestyle der Hippster-Welle bis hin zur neuerlichen Hinwendung an das Großreich der Mitte, China. Kaum etwas wird in dieser rasend schnellen Wortrevue in einer teilweise hochartifiziellen Sprache ausgelassen. Eine Kostprobe: "Wir pressen bittere Beeren zu blauen Bächen moralischer Montagen monothematisch mondäner Mores, moderner Machtgefüge der Morgengebete mährischer Monsterprozesse, momentaner Monologe" (deutsche Übersetzung des Textes von Doris Kouba). Die Grammatik der tschechischen Sprache erlaubt Sturzbäche von Alliterationen, die hart auf die Ufer des Verstehens aufprallen. Kurz und gut, das Stück verdient eine noch stärkere Bearbeitung des Regieduos Horák – Pěchouček, um im Januar in ausgereifter Form dem Publikum vorgestellt zu werden.

Dem Großherzogtum Luxemburg in Person von Botschafterin Michèle Pranchère-Tomassini ist es zu verdanken, dass sich ein deutschsprachiges Publikum, darunter die engsten Angehörigen von Roger Manderscheid, mit diesem unerhörten Stück tschechischen Gegenwartstheaters vertraut machen durfte. (gl)

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