Der Aufruf kam über Instagram. Prague Feminist Tours rief zum Protest gegen einen Gesetzesentwurf auf, der von verschiedenen Mitgliedern im Prager Senat eingebracht wurde. Der Entwurf zielt darauf ab, zahlreiche Rechte von Transmenschen zu ändern. Der Veranstalter der Demonstration "Prague Feminist Tours" sieht die Rechte von Transpersonen in der Tschechischen Republik durch diesen Gesetzesentwurf akut bedroht, sollte er umgesetzt werden. Der von konservativen Senatsmitgliedern um Senatorin Vladimíra Ludková eingebrachte Gesetzentwurf gehe nun in die erste Lesung.
Ungefähr 1000 - 1200 Menschen fanden sich am 17.06.2026 um 17 Uhr auf dem Palackého náměstí (Palacký Platz) ein, um für ihre Rechte zu demonstrieren. Mit Slogans wie "Transrechte sind Menschenrechte" machten Sie ihrem Unmut Luft. Verschiedene Vertreter hielten Reden. Mit auf der Bühne war auch die tschechische Aktivistin Lenka Kralová, die zuletzt das Prague Pride Business Forum im Prager Hotel Hilton moderierte. Das Prague Pride Business Forum findet einmal jährlich statt und zeichnet Firmen mit Preisen aus, die besonders queerfreundlich sind.
https://www.pridebusinessforum.com/en/
Prag selbst ist als queerfreundliche Stadt bekannt, die seit vielen Jahren das jährliche Prague Pride Event auslobt, wobei eine Woche lang zahlreiche queere Veranstaltungen stattfinden, wie Theater, Musik, Showeinlagen natürlich auch Parties.
Am Rande der aktuellen Demonstration hat ein Störenfried ein Transparent entrissen und auf der Rückseite ein Hakenkreuz gekritzelt. Die Polizei schritt sofort ein. Beamte in Zivil enttarnten sich und nahmen den Mann fest. Einige Teilnehmer:innen der Demonstraton trugen FFP2-Masken, weil sie Gesichtserkennungssoftware fürchteten. Seit Herbst letzten Jahres wird Tschechien von einer Koalition aus ANO, SPD und Motoristé sobě regiert, die politisch deutlich rechts bzw. rechtspopulistisch geprägt ist.
Nach Prague Feminist Tours sehe der Entwurf demnach vor, Transpersonen den Zugang zu öffentlichen Räumen wie Toiletten und Umkleiden entsprechend ihrer Geschlechtsidentität zu verwehren. Zudem solle er sie nach Darstellung der Kritiker:innen zu Konversionstherapien drängen, gerichtliche Entscheidungen über Geschlechtsänderungen vorschreiben und geschlechtsangleichende Operationen erst ab einem Alter von 21 Jahren ermöglichen.
Der Entwurf ist online frei einsehbar und soll die rechtliche Geschlechtsänderung deutlich stärker als bisher regulieren.
https://www.senat.cz/xqw/webdav/pssenat/original/120129/100884
Einige Punkte wurden aus dem Entwurf für diesen Beitrag ins Deutsche übersetzt.
- Gerichtliche Entscheidung: Die Änderung des Geschlechts soll künftig nur durch ein Gericht erfolgen.
- Mindestalter 18 Jahre für die rechtliche Geschlechtsänderung.
- Sexologische Diagnose: Ein Sexologe muss eine „Störung der sexuellen Identifikation“ eindeutig feststellen.
- Ein Jahr Beratung: Die Person soll mindestens ein Jahr fachliche Beratung absolvieren, ausdrücklich mit dem Ziel, den empfundenen Widerspruch zum körperlichen Geschlecht zu „beseitigen“.
- Zwei Jahre Alltagstest: Die Person muss mindestens zwei Jahre mit neutralem Namen und als Person des anderen Geschlechts gelebt haben.
- Schwangere Frauen sollen keine rechtliche Geschlechtsänderung durchführen können.
- Sport und geschlechtergetrennte Räume: Für Sport, Toiletten, Umkleiden oder andere nach Geschlecht getrennte Räume muss die rechtliche Geschlechtsänderung nicht berücksichtigt werden.
- Detransition: Eine gerichtliche Rücknahme der Geschlechtsänderung soll möglich werden.
- Operationen erst ab 21: Chirurgische Eingriffe zur Geschlechtsänderung sollen erst ab 21 Jahren möglich sein.
- Gefängnis/V Untersuchungshaft: Personen mit geänderter Geschlechtsangabe sollen gesondert behandelt bzw. getrennt untergebracht werden können.
Damit erinnert der Gesetzesentwurf in Teilen stark an das alte deutsche Transsexuellengesetz, dass am 1. November 2024 durch das Gesetz über die Selbstbestimmung in Bezug auf den Geschlechtseintrag (Kurz: SBGG) abgelöst wurde. Das neue SBGG in Deutschland lässt weitaus mehr Freiheiten zu, worum tschechische Transsexuelle deutsche beneiden.
| Punkt |
Deutschland (SBGG) |
Entwurf Tschechien |
|---|
| Gerichtliche Entscheidung |
Nein |
Ja |
| Sexologische Diagnose |
Nein |
Ja |
| Psychologisches Gutachten |
Nein |
Ja |
| 1 Jahr Beratungspflicht |
Nein |
Ja |
| 2 Jahre Alltagstest |
Nein |
Ja |
| Mindestalter 18 |
Nein, Minderjährige unter Bedingungen möglich |
Ja |
| Schwangerschaft als Hindernis |
Nein |
Ja |
| Toiletten/Umkleiden nach rechtlichem Geschlecht |
Grundsätzlich ja, aber einzelne Ausnahmen möglich |
Entwurf will rechtliche Änderung ausdrücklich unberücksichtigt lassen |
| Detransition |
Ja, erneute Erklärung möglich |
Ja, aber über Gericht |
| Operationen erst ab 21 |
Nein |
Ja |
| Gefängnisregelungen |
Einzelfallentscheidung |
spezielle Sonderregelungen vorgesehen |
Prague, 17.06.2026
Konstantin John Kowalewski
Update 18.06.2026, 00:00 Uhr
Wie Denik N meldet, wurde der Gesetzesentwurf noch gestern Abend in der ersten Runde abgelehnt. Tschechische Transsexuelle können aufatmen.
https://denikn.cz/minuta/2098640/