prag aktuellprag aktuell | Rubrik: Kultur, Musik | 2.9.2021
Vor fünf Jahren verstummte das Klavierspiel von Karel Růžička - eine letztens bei Animalmusic veröffentlichte CD lässt es ein letztes Mal erklingen / Von Michael Magercord

Prag - Vor ziemlich genau vierzig Jahren betrat der tschechische Jazzpianist Karel Růžička den Garten der Freude: „Zahrada radosti“ hieß seine erste Schallplatte, auf denen er mit Solo-Einspielungen zu hören war.

Der Musiker hatte bereits eine beeindruckende Karriere hinter sich. Er begann als Pianist im berühmten Kabarettheater Semafor, wechselte 1965 ins tschechische Radiojazzorchester, für das er ebenso arrangierte und komponierte. Mit dem Orchester und seinem eigenen kleinen Ensemble hatte er schon etliche Platten eingespielt bevor er 1981 schließlich sein erstes Soloalbum vorlegte. Es sollte ein Meilenstein werden für den damals vierzigjährigen Pianisten, der ab sofort die heimische Szene mit seinen außergewöhnlichen Kompositionen und Improvisationen erheblich prägte.

Musik hatte sein Leben schon immer wesentlich bestimmt. Die Eltern pflegten die Liebe zur Volksmusik und kauften dem begabten Sohn ein Klavier – und schon damals zog es ihn zum Jazz, den er im amerikanischen Sender Voice of America hören konnte. 1955 begann er am Prager Konservatorium zu studieren, allerdings war die Klavierklasse voll, ihm blieb zunächst das Schlagzeug. Eine gute Schule, sagte Karel Růžička, „denn ein gutes und ausgebildetes Rhythmusgefühl ist für einen Pianisten unabdingbar“. Genau dieses Gespür für den richtigen Moment zeigte sich nicht nur in der Solo-Einspielung und dem Schaffen für kleinere Formationen, sondern auch in den Arrangements für große Orchester.

So schuf er große Vokal- und symphonische Werke, aber auch Filmmusik. Seit 1984 unterrichtete er Komposition am Prager Jaroslav-Ježek-Konservatorium, wo vor allem Jazz gelehrt wird. Und natürlich erschienen immer wieder Platten und CDs, etliche auch zusammen mit den Kollegen der heimischen Szene wie dem Gitarristen Rudolf Dašek, dem Bassisten George Mraz oder dem Flötisten Jiří Stivín.

Im September 2016 verstarb Karel Růžička, und erst kürzlich, zu seinem 80. Geburtstag, erschien posthum sein – wenn man so will – zweites Soloalbum. In dem Archiv seines Schülers und Freundes, dem Pianisten Tomas Sýkora, fanden sich Aufnahmen von einer Studiosession aus dem Jahre 2010. Damals gestand Karel Růžička in einem Interview mit der Zeitschrift Harmonie Magazin, dass er sich immer zwingen müsste, Solo zu spielen: „Es ist eine sehr schwere Disziplin, und ich habe eigentlich keine Motivation, sie auszuüben. Doch dann kam ein Impuls irgendwo von innen, ich bezahlte ein Studio und sagte: Ich werde loslassen, dann sehen wir mal, was dabei herauskommt.“

Neun Stücke sind es geworden, die nun endlich unter dem Titel „Garden of Silence“ im Label Animalmusic veröffentlicht worden sind und die ganze Bandbreite des Könnens des Pianisten und Musikers aufzeigen. Trotz aller Unterschiedlichkeit bilden sie doch ein einheitliches Ganzes aus bester Jazztraditionen und innovativer Improvisation. Weder verfallen sie in ein repetitives Abspulen bekannter Muster, noch driften sie ins Ungefähre ab. Das Album, das es sowohl als CD als auch LP gibt, folgt genau der Auswahl aus Versionen einzelner Aufnahmen, die Růžička noch vorgenommen hatte. Selbst die Reihenfolge der Stücke und sogar die Länge der Pausen zwischen ihnen, entsprechen den damaligen Festlegungen des Pianisten – ein Medley melodischer Stimmungen, dargeboten mit der treffsicheren Spielfreude eines Altmeisters.

Das Klavier von Karel Růžička ist nun seit fünf Jahren endgültig verstummt, aber fast möchte man meinen, dass seine musikalische Meisterschaft weiterlebt. Sein Sohn, Karel Růžička jun. ist in die Fußstapfen seines Vaters getreten. Der Saxophonist lebt und musiziert meist in New York, seine Alben aber werden ebenfalls in Prag verlegt – der Stadt, in der sein Vater sein ganzes Musikerleben verbrachte und deren Musikleben er wesentlich geprägt hat. (mm)

 

Angaben zum Album:

„Garden of Silence“

als LP, CD oder digital bei Animalmusic

 

Infos und Hörbeispiele unter:

https://animalmusic.cz/en/album/karel-ruzicka-garden-silence

 

Ein Stück aus dem „Garten der Freude“ des Jahres 1981:

https://www.youtube.com/watch?v=s99bJ-W0Fxo

 

Oder eine Jazz-Messe eingespielt vom Orchester FOK:

https://www.youtube.com/watch?v=KaLZJd_NtQc

 

Der Schüler gibt ein Ehrenkonzert für seinen Lehrer:

https://animalmusic.cz/en/album/tomas-sykora-songs-orchestra

 

Und vom Vater geht’s zum Sohne:

https://animalmusic.cz/en/album/karel-ruzicka-quartet-grace-gratitude

Bildnachweis:
Animalmusic.cz - CD-Cover "Garden of Silence"
Themen: Musikkritik, Jazz
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