prag aktuellprag aktuell | Rubrik: Wirtschaft | 14.10.2013
Auktion für LTE-Frequenzen wird vorbereitet / Noch vergleichsweise wenig Breitbandanschlüsse / Von Gerit Schulze, gtai

Prag - Die Tschechen sind schon lange online unterwegs. Über 60% der Bevölkerung nutzen das Internet regelmäßig, Onlineshops boomen, der Mobilfunksektor nähert sich der Sättigungsgrenze. Bei der Internetinfrastruktur gibt es allerdings Nachholbedarf. Insbesondere muss das Breitbandnetz ausgebaut werden. Demnächst sollen neue Mobilfunkfrequenzen vergeben werden, mit denen das LTE-Zeitalter in Tschechien beginnen soll.

In den Amtsstuben der tschechischen Regierung setzt sich allmählich die Erkenntnis durch, dass Informationstechnologien und Telekommunikation (IKT) die Konkurrenzfähigkeit der einheimischen Wirtschaft stärken. Noch unter dem inzwischen zurück getretenen Premier Petr Necas wurde ein Konzept "Digitalni Cesko 2.0" entwickelt. Ein flächendeckendes Highspeed-Internet sei genauso wichtig wie Autobahnen, Zugtrassen und das Energienetz, heißt es in dem Entwurf. Zu den Zielen gehört, dass bis 2020 alle Bewohner mit mindestens 30 Mbit pro Sekunde im Web surfen können. Als Finanzierungsquellen will die Regierung EU-Fonds anzapfen sowie Einnahmen aus der anstehenden Versteigerung von Mobilfunkfrequenzen nutzen.

Einheimische Suchmaschine hängt Google ab

Über 6,5 Mio. Einwohner nutzen regelmäßig das Netz. Sie klicken im Monat bis zu 20 Mrd. Webseiten an. In diesem Jahr werden voraussichtlich 50 Mrd. Tschechische Kronen (Kc; durchschnittlicher Wechselkurs im 1. Halbjahr 2013: 1 Euro = 25,70 Kc) im Onlinehandel umgesetzt. Die Zuwachsraten sind zweistellig. Rund 37.000 E-Shops bieten Waren über das Internet an.

Immer mehr Geld lässt sich mit Werbung im Internet verdienen. Für 2013 wird bei der Online-Reklame ein Anstieg um 15% auf fast 13 Mrd. Kc erwartet. Davon profitiert vor allem Tschechiens größter Webseitenbetreiber Seznam.cz. Das Unternehmen mit rund 1.000 Beschäftigten hat 2012 seine Umsätze um 6% auf 2,8 Mrd. Kc gesteigert. Für dieses Jahr wird ein Plus von 5% erwartet. Mit neuen Diensten wie Videoreklame oder Fernsehplattformen will Seznam auch in Zukunft wachsen.

Schon jetzt steuern jeden Tag 2,4 Mio. Websurfer die Suchmaschine an. Tschechien ist das einzige Land der Welt mit lateinischem Alphabet, in dem Google nicht Marktführer ist. "Wir bieten mehr Dienstleistungen und konzentrieren uns nur auf den tschechischen Markt und User", begründet Seznam-Sprecherin Irena Zatloukalova den Erfolg. Für Google als globalen Konzern lohne es sich dagegen nicht, spezielle Dienste für einzelne Märkte zu entwickeln. Zu Seznam gehört inzwischen auch der Kartendienst Mapy.cz, der Google Maps Konkurrenz macht. Daneben betreibt die Prager Firma ein ganzes Sammelsurium an Zusatzdiensten wie Kontaktbörsen, Preisvergleiche und Nachrichtenportale.

Neben Seznam.cz sind die wichtigsten Webseitenbetreiber die Verlagsgruppe Mafra (bis vor kurzem noch in deutscher Hand, gehört seit Juli 2013 dem Milliardär Andrej Babis), die Medienagentur AdActive (unter anderem Online-Spiele) und Centrum Holdings (diverse Infoportale).

Bei der Infrastruktur für das Internet hat Tschechien noch großen Nachholbedarf. Erst 23% der Haushalte gingen 2012 über schnelle Breitbandzugänge ins Netz. Der EU-weite Durchschnitt lag bei 28%, in Deutschland bei 33%. Auch bei Tablet-Computern ist die Marktdurchdringung noch gering. Während bereits jeder achte Deutsche über solche Geräte mit Touchscreen verfügt, ist es in Tschechien erst jeder Dreißigste.

Auch im Firmensektor gibt es noch Spielraum für neue Investitionen. Laut Statistikamt CSU haben erst zwei von drei Unternehmen (ab 10 Mitarbeitern) ihre Computer miteinander vernetzt. Ein Intranet betreibt nur jede dritte Firma in Tschechien. In Deutschland liegen diese Anteile deutlich höher (Rechnernetz: über 85%, Intranet: knapp 50%). Besser schneidet Tschechien bei der Webpräsenz seiner Unternehmen ab. Immerhin 80% aller Firmen waren 2012 im Netz präsent (Deutschland: 82%).

Im Telekomsektor steht neue Frequenzvergabe an

Im Mobilfunksektor ist die Marktsättigung weit fortgeschritten. Angesichts von 13,5 Millionen aktiven SIM-Karten bei 10,5 Mio. Einwohnern sind zusätzliche Kunden schwer zu finden. Wachstum muss daher über neue Geschäftsfelder wie Datendienste generiert werden.

Seit Herbst 2012 buhlen Discountanbieter um Kunden, die über kein eigenes Mobilfunknetz verfügen, sondern die Infrastruktur der drei Operatoren T-Mobile, Telefonica (O2) oder Vodafone nutzen. Etwa ein Dutzend solcher Dienstleister tummelt sich bereits am Markt. Der größte dieser virtuellen Netzbetreiber, Bleskmobil, hat innerhalb eines halben Jahres über 250.000 Kunden gewonnen. Die Discountanbieter sorgen dafür, dass die traditionell hohen Mobilfunktarife in Tschechien seit einigen Monaten deutlich sinken.

Noch mehr Wettbewerb und günstigere Preise erhofft sich die staatliche Regulierungsbehörde für den Telekomsektor, CTU, von der anstehenden Vergabe neuer Mobilfunkfrequenzen. Mit ihnen soll das LTE-Zeitalter in Tschechien beginnen (Mobilfunkstandard der vierten Generation mit Downloadraten von bis zu 300 Mbit pro Sekunde). Neben den drei Platzhirschen T-Mobile, Telefonica (O2) oder Vodafone wollen sich an der Auktion die beiden Neulinge Revolution Mobile und Tasciane beteiligen.

Schon jetzt ist Tschechien bei LTE drei Jahre später dran als Deutschland, wo die Bundesnetzagentur bereits 2010 die Frequenzen versteigert hatte. Selbst bei der dritten Mobilfunkgeneration 3G (UMTS) hatten Mitte 2013 erst vier Fünftel der Bevölkerung Zugang zum Netz. Ein Schnellspurt ins digitale Wirtschaftszeitalter, wie von der Regierung in Prag erhofft, sollte anders aussehen.

Themen: IT, Telekommunikation, Mobilfunkfrequenzen, gtai
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