prag aktuellprag aktuell | Rubrik: Kultur, Musik | 23.9.2020
Die Pianistin Nikol Bóková erklärt uns ganz einfach den Jazz und macht es uns dann doch schwer, es ihr gleichzutun / Von Michael Magercord

Prag - Was tun, wenn man Künstler ist und seine Kunst nicht ausüben darf? Nein, es geht nicht um die Zwänge, die etwa eine fiese Diktatur ausübt, sondern die Rücksichtnahme, die eine allgemein gefährdende Situation einfordert. Es ist also nicht Opposition, aus der heraus ein Künstler sich nun zurückzieht, sondern ein fieses Virus lässt ihn auf sich selbst zurückfallen. Was also tun? Vielleicht eine Selbstvergewisserung suchen und etwas für sich Sinnvolles tun, obwohl es in der Situation erst einmal sinnlos erscheint.

Genau das hat die Pianistin Nikol Bóková getan. Bekannt ist die junge Musikerin zwar eher als Jazzpianistin, hat sie doch ihr hochgelobtes erstes Album “Inner Place” beim mittlerweile wichtigsten tschechischen Jazzlabel Animalmusic veröffentlicht. Geschult aber wurde Nikol Bóková auf höchsten Niveau in der Klassik an der Janáček-Musikhochschule in Brünn, und für ihr Album mit eigenen Stücken war die profunde Technik am Klavier eine wahre Bereicherung. Das ist nicht unbedingt immer der Fall, wenn klassich geschulte Musiker sich im Jazz versuchen, im Gegenteil: oft übt die klassische Ausbildung eine Blockade auf das Improvisieren aus und hemmt den Fluss des Künstlers – was allerdings nicht nur zum Nachteil sein kann, wenn das Wissen um die musikalischen Grundregeln nämlich auch mal den allzu wilden Überfluss aus dem Spiel nimmt.

Doch weder das eine noch das andere ist der CD anzuhören, war sie doch sogar für den Plattenpreis Anděl Ceny nominiert... Und dann kam Corona über uns und den Kunstgenuss – und damit die Frage für den Künstler: Was mach ich nun mit mir und meiner Kunst? Wie viel Wert hat Kunst überhaupt, wenn niemand was von ihr noch mitbekommen kann?

Nikola Bokóvá hat sich auf ein Projekt eingelassen mit dem seltsamen Namen Cataplasm. Dahinter verbirgt sich eine Serie von Videos, die uns Laien erklärt, was es mit der Musik auf sich hat. Vielleicht tut sie das manchmal mit etwas zu aufgetragener jugendlicher Altklugheit, aber auf ihre Frage, ob wir neugierig sind, haben wir nur eine Antwort: Aber hallo, na klar! Und wer unter Ihnen Jazzpianist werden wollte, dem sei vor allem dieses Video empfohlen, danach erscheint alles soooo einfach zu sein: https://www.youtube.com/watch?v=9KPwlo0aizU&list=PLFSEggyoychyMVOXWr0yMH...

Dass es doch ein wenig schwieriger ist, wird uns aber schon an 2. Oktober wiederum Nikola Bokóvá beweisen wollen. Dann wird nämlich ihr neues Album erscheinen, worin sie genau diese Techniken anwenden wird, die sie uns empfiehlt. Und vor allem wird sie zeigen, wie sich klassische Musik mit Jazz vereinen kann, denn unter den Komponisten ihrer improvisierten Musik befinden sich Sergej Rachmaninow oder Maurice Ravel – und? Sind wir neugierig? Na klar! (mm)

Bildnachweis:
Cover: Inner Place - Nikol Bóková (Animalmusic)
Themen: Musikkritik
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