Der Autor

Martina Lisa (geb. in Prag/Tschechoslowakei) ist freischaffende Autorin, Übersetzerin und Redakteurin. Lebt in Leipzig, wo sie liest, schreibt, tschechische und slowakische Literatur ins Deutsche übersetzt und Bücher herausgibt.

Sie schreibt poetische Texte zwischen Literatur und Publizistik, experimentiert mit biografischen Collagen zwischen Fakten und Fiktion, bringt eigene wie fremde Texte in unterschiedlichen Formaten auf die Bühne und kuratiert und organisiert Kulturveranstaltungen. Zuletzt erschien ihr Band Tage zählen. Skizzenbuch #14 (2022) sowie Wo wir jetzt sind, ein Hörstück.

Sie ist Mitglied im Verlagskollektiv hochroth, wo sie die Reihe OstroVers mit zeitgenössischer tschechischer und slowakischer Lyrik betreut, im Schreibkollektiv ceoK und im VdÜ (Verband deutschsprachiger Übersetzer:innen) sowie freie Redakteurin beim Leipziger Stadtmagazin Kreuzer. 

Während ihrer Residenz im Prager Literaturhaus möchte sie an einem Text-Collage-Projekt arbeiten, inspiriert durch die tschechische Underground-Autorin Jana Černá, deren Texte sie ins Deutsche übersetzt (zuletzt: Jana Černá = Honza Krejcarová: Totale Sehnsucht, 2022).

 

Im Internet: www.martinalisa.dewww.martinalisa.de
Bildnachweis:
© Prager Literaturhaus

Blog

| Martina Lisa | Rubrik: Kultur | 6.6.2023

Kafka

Alle suchen Kafka hier, fast alle. Manche zwischen den Zeilen, manche unter den Fassaden, in Straßen und Gassen, wo sie noch eine Spur, einen Hauch zu finden hoffen. Sie setzen sich ins Kafka Hummus Café, kaufen Taschen, T-Shirts und Kühlschrankmagneten, warten mit gezuckten Kameras, bis sich hinter einem Einkaufszentrum ein riesiger Alukopf endlich dreht. Sie suchen sein Grab auf oder das Café Arco, wo heute ein Selbstbedienungsrestaurant ist,  und da sitzen sie dann, am Tisch mit der enttäuschten, erschöpften Sucherei bei Pommes und überbackenem Käse und das spült auch kein böhmisches Bier mehr weg. Doch Kafka lebt! Natürlich. Und wo sonst als in der Prager Metro. Es gibt da eine Station, die den meisten suchenden entgehen mag: Ládví. Unscheinbar, fast am Ende der Welt, auf jeden Fall weit von jener von damals entfernt, umgeben von Beton und Platten. Aber genau dort, dort lässt er sich hier und da blicken, stets in Schwarz gekleidet will er unter keinen Umständen die Tiefen der Halle verlassen. Er, der sehr gut Tschechisch verstand, wusste sehr wohl, dass er ein Vogel war und blieb. Ein krächzendes Lachen und eine verlorene schwarze Feder am Boden, mehr nicht. Kavka heißt Dohle und fürchtet das Tageslicht.

Auch interessant