Der Autor

Fragen an K. J. Kowalewski:

  • Wie alt möchtest du werden? - So alt, wie ich noch selbstständig denken, fühlen und handeln kann.
  • Wie möchtest du sterben? - Wenn ich mit mir und der Welt im Reinen bin!
  • Worüber kannst du lachen? - Über das Duo Urban Priol und Georg Schramm (Deutsche Polit-Kabarettisten).
  • Welchen Traum möchtest du dir erfüllen? - Lebe deinen Traum! Träume nicht dein Leben!
  • Wie viel Geld möchtest du besitzen? - Soviel, dass ich ein normales Leben führen kann.
  • Ein Jahr auf einer Insel: Welche 3 Bücher nimmst du mit? - Saint-Exupérys: "Le Petit Prince", Sartres: "Le Mur" und mein Tagebuch.
  • Wer ist die Person hinter diesem Blog? - Konstantin John Kowalewski ist Konstantin Kountouroyanis (© by ihm). John ist der Vorname meines deutschen Großvaters. Kowalewski der Geburtsname meiner Mutter.
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Blog

| Konstantin John Kowalewski | Rubrik: Politik | 3.6.2018

„Fire and Fury“ auf Tschechisch?

Autor Jaroslav Kmenta stellte in der Buchhandlung Luxor sein Enthüllungsbuch über den tschechischen Premierminister Andrej Babiš vor
  • Jaroslav Kmenta am 01.06.2018 in der Buchhandlung Luxor

Über den 1969 im mittelböhmischen Nymburk geborenen tschechischen Enthüllungsjournalisten und Autor mehrerer Bücher, unter anderem „Svědek na zabití“ („Zeuge des Tötens, Prag 2010), in dem Verstrickungen zwischen der tschetschenischen Mafia und dem 2006 in Prag ermordeten Unternehmer František Mrázek (1958 – 2006), der einer der führenden Köpfe der tschechischen Unterwelt gewesen sein soll, offengelegt werden, ist in den deutschsprachigen Medien so gut wie nichts bekannt. In Tschechien hingegen gilt Kmenta als heimlicher Star des unabhängigen und vor allem investigativen Journalismus. Am vergangenen Freitag, dem 1. Juni 2018, präsentierte er das Ergebnis seiner jüngsten Recherchearbeit zu dem tschechischen Premierminister Andrej Babiš in der Buchhandlung Luxor am Prager Wenzelsplatz vor zahlreichen Besuchern.

Es war wohl eine der bestbesuchtesten Buchvorstellungen seit langem in Prags wohl bekanntester Buchhandlung. Vorausgegangen war ein Brodeln in den sozialen Netzwerken. „Kmenta liest in Prag“, „Kmenta hält einen Vortrag bei Luxor“ war dort zu lesen. Die Drähte liefen heiß. Man rief sich gegenseitig an. Kurzmitteilungen wurden versendet. Entsprechend groß war der Andrang bereits um 17 Uhr und noch bis 30 Minuten nach Beginn der Veranstaltung füllte sich der Raum immer weiter. Einen Sitzplatz zu ergattern war unmöglich. Fast jeder dritte Besucher zückte sein Handy oder seine Digitalkamera, manche hielten sogar zwei Geräte in ihren Händen, um Kmentas Vortrag zu filmen. Nichts sollte verloren gehen. Man wollte protokollieren, was der Autor und ehemalige Journalist der auflagenstärksten und meistgelesenen Zeitung Tschechiens – Mladá fronta Dnes – zu sagen hatte, denn auf dem Programmpunkt stand die Vorstellung seines neuesten Buches „Boss Babiš“, das über dunkle Geschäftspraktiken des aktuellen Premiers berichtet.

Auf Youtube hat Richard Herrmann seinen kompletten Mitschnitt der Veranstaltung veröffentlicht. (Sprache: Tschechisch)

„Boss Babiš“, so verspricht es der Annotationstext, „ist ein Reportagebuch über die dunkle Welt des Milliardärs und die Politik von Andrej Babiš. Es fasst zusammen, was den Oligarchen Babiš gefährlich macht, wie er reich geworden ist, woran er beteiligt ist und welche Prozesse außerdem noch vor sich geht. Er beschreibt nicht nur wie er wirklich Unternehmer wurde sowie auch seine rücksichtslosen Geschäftspraktiken, sondern beschreibt auch seine Rolle in der Halbwelt um die Götter von František Mrázek, Tomáš Pitr und Radovan Krejčíř. Das Buch basiert teilweise auf Berichten von Reportern. Aber es bringt eine ganze Reihe neuer und unveröffentlichter Informationen, die das Bild des Oligarchen Babiš vervollständigen.“ (Übersetzung von KJK.) Der Klappentext klingt zum einen für deutsche Ohren sehr reißerisch, zum anderen fordert der Text zur weiteren Recherche auf. Wer ist Babiš und wer ist dieser Kmenta, dessen Buch mit solch einem Ankündigungstext daherkommt?


Foto: KK

Andrej Babiš ist in der Tat eine recht fragwürdige Person, wenn man sich die Berichte der letzten 5 Jahre und darüber hinaus, über ihn durchliest.

1954 wurde Babiš in Bratislava, also der damaligen ČSSR geboren. Das allein lässt einen westlichen Bürger nicht aufhorchen. Aber einzelne Besucher der Lesung wiesen darauf hin, dass er „aus der Slowakei“ komme, also eigentlich „kein Tscheche“ sei. Mit dieser Aussage nehmen die Besucher eine klare Einstufung Babiš´ vor. Und eine Besucherin merkt noch dazu an, dass Babiš „mit seiner Masche“ in der Slowakei nicht durchkäme. „Dort kennen ihn die Leute zu gut.“ Aber hier in Tschechien würde er regen Zulauf bekommen. Das stimmt, denn bei den Regionalwahlen in Tschechien 2016 erzielte die von ihm geführte Partei ANO 2011 mit 21% die meisten Stimmen aller Parteien.

Doch zurück zu Babiš´ Lebensabriss. Babiš´ Vater war im tschechoslowakischen Außenhandel tätig und er war Diplomat! Dadurch konnte der junge Babiš einen Teil seiner Kindheit in Frankreich und Zürich verbringen. Sein Abitur legte er dann auch in Genf ab. Ein Privileg, das während des Kommunismus wohl nicht gerade der breiten Masse der Bevölkerung zu Teil wurde, um es einmal vorsichtig auszudrücken. Nach seinem Studium an der Fakultät für Handel der Wirtschaftsuniversität Bratislava, arbeitete Babiš 1978 für die Firma Chemapol Bratislava und wurde noch im selben Jahr Kandidat sowie 1980 Mitglied der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei (KSČ). 5 Jahre später durfte auch er ins Ausland reisen und kehrte erst 1991, also nach der Sanften Revolution, wieder zurück nach Prag. Für Tschechen sind diese biografischen Daten keine Besonderheit. Ähnlich wie in der DDR, waren auch in anderen Ländern des sozialistischen Ostblocks viele Leute Mitglied der führenden Partei. Es zeigt allerdings, gerade für jüngere Leser, eine Vorgeschichte, die miterzählt werden sollte und muss, wenn man ein vollständiges Bild von einem Politiker möchte. (Das gilt auch für Politiker in anderen Ländern, wie z. B. in Deutschland.)

Nach der Wende gründeten die Petrimex unter dem damaligen Außenamtsstaatssekretär Anton Rakický und Babiš die Holdinggesellschaft Agrofert, deren Direktor er 1993 selbst wurde. Kritiker werfen Babiš vor, er habe die Holdinggesellschaft Agrofert mit Krediten einer US-amerikanischen Bank gegründet. Medienberichten zufolge soll Babiš allerdings behauptet haben, dass Geld sei von alten Freunden aus seiner Schweizer Zeit. Der Schweizer Tages-Anzeiger titelte allerdings 2013 „Der Überflieger mit der Schweizer Briefkastenfirma“, in dem auf die Recherchen des Respekt-Journalisten Jaroslav Spurny hingewiesen wurde, der zwar keine konkreten Hinweise auf die „Schweizer Freunde“ fand, jedoch ein undurchsichtiges Netzwerk aus Briefkastenfirmen.


Foto: KK

Wie dem auch sei. Letztendlich gelang Babiš der kometenhafte Aufstieg zum Milliardär und Agrofert entwickelte sich unter seiner Leitung zu einem der führenden Unternehmen der tschechischen Agrar-, Chemie- und Lebensmittelindustrie. Expansionen ins Ausland folgten. 2013 übernahm der Betrieb die deutsche Großbäckerei Lieken AG samt den Marken Golden Toast und Lieken Urkorn von Barilla. Wirtschaftlicher Erfolg ist – muss man allerdings anmerken – kein Verbrechen. Doch Babiš übernahm nicht nur wichtige Bereiche der Lebensmittelindustrie, sondern auch über die Abwicklung der Tochterfirma der Agrofert, nämlich der AGF Media a.s., im Juni 2013 das Medienunternehmen MAFRA von der Rheinischen Post, welches u. a. die tschechischen Tageszeitungen Mladá fronta Dnes, Lidové noviny und die kostenlose U-Bahn-Zeitung „Metro“ herausgibt und an Internetportalen, privaten Fernsehsendern und Druckereien beteiligt ist. Kritiker werfen Babiš vor, dass seitdem Druck auf die Journalisten ausgeübt werde. An dieser Stelle kommt der ehemalige Journalist der Mladá fronta DNES, Jaroslav Kmenta wieder ins Spiel.

 

 


Rückblick: Eckard Spoo warnte bereits 1998 vor einer Medienkonzentration in Tschechien und Deutschland



Wir haben mit einem Besucher der Lesung gesprochen und gefragt, was der Grund für das rege Interesse an dem Autor und dem Buch ist. Aus nachvollziehbaren Gründen geben wir seinen Namen nur als Initialen wieder.

KK: „Über welches Thema handelt das Buch?“

RH: „Es geht um die Unternehmenstätigkeit von Andrej Babiš von den 90er Jahren bis heute; und zwar wie seine Geschäfte – sagen wir mal – in einem Grauzonenbereich verlaufen sind.“

KK: „Was ist so revolutionär Neues an diesem Buch?“

RH: „Für mich als einen normalen, durchschnittlichen Leser schon. Da sind Sachen, die ich vorher nicht wusste und für die breite Öffentlichkeit genauso. Da sind Sachen, die der Autor in jüngster Zeit recherchiert hat. Er hat – glaube ich – 2014 damit begonnen. Also drei Jahre hat er an dem Buch gearbeitet und ich glaube – so steht es auch im Buch -, sind auch für ihn viele Sachen neu oder stehen in neuen Kontexten. Eine Menge Informationen werden in dem Buch in einem neuen Licht bzw. in neuen Zusammenhängen wiedergegeben.“

KK: „In welcher Tradition steht Jaroslav Kmenta?“

RH: „Er hat bereits nach der Wende bei der Zeitung Mlada Fronta Dnes als junger Journalist begonnen, die selbst vorher eine sozialistische Zeitung war und nach der Wende privatisiert wurde. Die Eigentümer waren Deutsche. [Anm. der Red.: Rheinisch-Bergische Verlagsgesellschaft, Düsseldorf] Zu dieser Zeit hatten Kmenta und seine Kollegen das Glück, dass bei dieser Zeitung eine unabhängige Redaktion mit investigativem Journalismus entstanden ist. Und sie haben seit den 90ern bis ungefähr 2014 oder 2015 – das weiß ich jetzt nicht so genau – also bis zu dem Zeitpunkt, als Andrej Babiš die Zeitung gekauft hat, haben sie den besten investigativen Journalismus gemacht. Sie haben viele Sachen aufgedeckt. Kmenta publizierte damals viele Artikel, oft auch Serien und später begann er mit dem Bücherschreiben, weil er zu einzelnen Themen, wie z. B. Lobbyismus oder mafiöse Strukturen, immer mehr Material hatte.“ [Anm. der Red.: Der Besucher erinnert sich hier irrtümlich an die Jahre 2014/2015, als die Zeitung von der AGF Media a.s. – hinter der in der Tat der jetzige Premierminister Andrej Babiš steht – aufgekauft wurde. Tatsächlich fand der Kauf am 26. Juni 2013 statt.]

„Und das weiß ich jetzt nicht genau. 2014 oder 2015 hat Babiš den Verlag und die Zeitung komplett gekauft und die ganzen investigativen Journalisten verließen alle die Redaktion, sodass von dem urprünglichen Stab niemand mehr da ist.“

[Anm.: Das vollständige Interview lässt sich am Ende des Textes als Youtube-Audio-File anhören.]

Aussage gegen Aussage: Rechts ließ sich ein Aktivist Kmentas Buch von Babiš signieren. Der schrieb: "Kmenta ist ein Lügner." Links signierte Kmenta und antwortete darauf: "Babiš lügt wie gedruckt." Foto: KK

Schon lange sorgen sich Tschechen um die Unabhängigkeit der Inlandspresse. Menschen, die in Tschechien einer bestimmten aktuellen Strömung angehören, Misstrauen einer Presse, die in staatlichen Händen oder in den Händen von einzelnen Politikern liegt. Zu frisch sind noch die Erinnerungen an die Totalüberwachung im Kommunismus. Aber Babiš ist nicht nur ein Medienmogul geworden, sondern auch Gründer und Vorsitzender der Partei ANO 2011. Das Parteikürzel steht für akce nespokojených občanů ("Aktion unzufriedener Bürger"). Was sich auf Deutsch nach einer Mischung aus Pegida und AfD anhört, ist eine Bewegung, die von den einen als populistisch und EU-skeptisch, von den anderen als „Akteur jenseits der klassischen Links-Rechts-Skala“ eingeordnet wird, wie sich der Politikwissenschaftler Ladislav Cabada von der privaten Metropolitane Universität Prag einmal in einem Interview gegenüber dem Redakteur Till Janzer von Radio Praha äußerte. Wieder für andere steht das Kürzel ANO, das auf Tschechisch auch „Ja“ heißt, für ein inhaltsleeres Gefäß, dass im schlimmsten Fall wieder auf alte Strukturen der prerevolutionären Ära zurückverweisen könnte.



Video: Satire-Sendung "Die Anstalt" warnt vor Medienmonopolen auch in Deutschland




Der gleiche Aktivist "verzierte" die Rückseite seines Exemplares von „Boss Babiš“ auf ganz eigentümliche Weise. Seine Meinung liegt klar auf der Hand. Er sieht einen Rückfall in eine Vor-Wendezeit. Foto: KK

Ein Besucher der Buchvorstellung zeigte stolz die Rückseite seines Buch-Exemplares von „Boss Babiš“, auf dessen Rückseite ein Aufkleber mit dem Konterfei Andrej Babiš´ und dem Schriftzug „StB – ANO!“ prangte. Die ŠtB (Štátna bezpečnosť) war in der ČSSR ein staatlicher Sicherheitsdienst, ähnlich wie in der DDR die StaSi (Staatssicherheitsdienst). Einzelne Besucher aus dem Publikum applaudierten für diesen Sticker, andere fotografierten und publizierten ihn auf Facebook. In welcher Art und Weise dieser Aktivist, wie er sich selbst nannte, bzw. seine Sympathisanten Babiš sehen, liegt klar auf der Hand. Doch der Aktivist sorgte am Ende der Veranstaltung für weitere Heiterkeit. Als die Besucher mit ihren Exemplaren nach vorne an Kmentas Tisch zur üblichen Autogrammstunde kamen, stand plötzlich der Mann mit seinem Exemplar vor Kmenta und bat um eine besonders originelle Widmung für sein Exemplar. Auf der rechten Seite hatte bereits Andrej Babiš das Exemplar mit den Worten signiert „Kmenta ist ein Lügner“. Kmenta schrieb als Antwort auf der linken Seite „Babiš lügt wie gedruckt“; und gedruckt wurde das Buch auch – mit insgesamt 352 Seiten.

Kmenta, Jaroslav: „Boss Babiš“, Prag 2017 (Sprache: Tschechisch)
Preis: Das Buch wird in der ČR zwischen 188 und 269 Kronen angeboten.

Konstantin John Kowalewski

Prag, 03.06.2018

Update vom 14.06.2018: Video-Mitschnitt der Veranstaltung von Richard Herrmann eingefügt. 

 
Interview mit einem deutschsprechenden Besucher der Buchvorstellung
Bildnachweis:

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