Der Autor

Gerd Lemke, Jahrgang 1969, lehrte als Lektor für Germanistik an der Karls-Universität in Prag und lebt dem eigenen Empfinden nach eigentlich schon zu lange in der tschechischen Hauptstadt. Nach einem zweijährigen Auslandsaufenthalt im Kosovo kehrte er dennoch freiwillig zum "Mütterchen mit den Krallen" an die Moldau zurück.

Seinen Geburtstag teilt er mit dem Europameister von 1980, Karl-Heinz Förster. Er ist leidenschaftlicher Literat, glaubt wie Albert Camus, alles im Leben durch das Fußballspiel gelernt zu haben, hat aber im Gegensatz zum großen Existenzialisten nur ein einziges Spiel als Torwart bestritten. Ansonsten tritt er regelmäßig für Partisan Prague gegen das Leder und trifft als stellungssicherer Verteidiger auch schon mal das eine oder andere Schienbein. Für sein Lieblingsteam, die sporadische Zusammenkunft Umělecká Letná, hilft er gerne und treffsicher im Sturm aus.

Im Jahr 2006 hatte er bereits das Sommermärchen in Deutschland und und seit dem alle zwei Jahre die großen Fußballtourniere von Prag aus beobachtet und kommentiert, mit einer täglichen Kolumne für Tschechien Online.

Für prag aktuell ist er bei der Fußball-WM 2026 in den USA, Mexiko und Kanada wieder hart am Ball, wenn es um Tricks, Täuschungen und Taktik im weiteren Sinn geht: Sportsfreund Gerd Lemke.

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| Gerd Lemke | Rubrik: Fußball | 11.6.2016

Eröffnungsspiel

France – Romania 2:1

Tatsächlich, es findet statt. Das Eröffnungsspiel der Eh Emm Zweitausendsechzehn. Unfassbar, in einem Land, in dem gestreikt wird, weil der sozialistische Präsident Holland – kein Scherz – ich habe höchstens ein e am Ende des Namens ausgelassen – sein neues Arbeitsgesetz durchprügeln will. Wo sich laut Radio France International der Müll in den Straßen auftürmt und wo Deutschland am 13. November ein Freundschaftsspiel mit Zweinull verloren hat, unter kriegsähnlichen Umständen. Das hatte nichts mit der guten deutsch-französischen Erbfeindschaft zu tun, sondern mit dem Krieg gegen die islamistischen Gotteskämpfer, die so wenig mit Religion zu tun haben, wie Pep Guardiola in München mit dem Pokal der Champions League.

Also, ich hatte tatsächlich den Eindruck, dass diese Eh Emm begonnen hat, zumindest im Institut Francais (pardon, pas de cedille dans ma claviature oder wie das auch immer heißt) in Prague. Fußball wurde da ja auch gespielt und Frankreich hat gewonnen – noch nicht das ganze Turnier, was alle ja erwarten, außer natürlich die Engländer, weil die tippen ja auf Wales, - sondern nur das Eröffnungsspiel. In dem war die Spannung mit dem ersten Tor dann auch raus, denn wir haben schnell gemerkt, dass die Fans im Café trentecinq uns dans le cour simplement une demie minute voraus sind. Also waren wir dank deren Reaktion immer schon gut vorbereitet auf die Ereignisse, die uns bildlich erreichen sollten.

Öfters musste ich den Unwillen gegen dieses Fußballereignis mit der Bemerkung bremsen, es ist ja nur das Eröffnungsspiel. Mehr war es ja auch nicht, Rumänien spielte den höflichen Gast und schenkte den Gastgebern nichts. Dank eines akkumulierten Elfmeters glichen die früher als Karpaten-Brasilianer bezeichneten Mannen aus Südosteuropa zwischenzeitlich aus. Das war nicht mal unverdient. Doch schließlich setzten sich die Gallier dank eines fantastischen Schusses von ca. vente metres genau in den triangle, pardon, Winkel doch durch. Zweieins gegen ein durchaus nicht enttäuschendes rumänisches Team, das hatte auch der rumänische Präsident oder Premier oder conducator mare im bereits erwähnten französischen Rundfunk in erstaunlich fehlerfreiem Französisch mit Karpaten-Akzent getippt.

Lassen wir jetzt alle möglichen Spekulationen, wo das Spiel tatsächlich stattgefunden hat, wo Michel Platini zu der Zeit war und wie oft sich Didier Deschamps während des Spiels am, na ja, Bart gekratzt hat. Das Turnier hat entspannt begonnen, der große Favorit und Gastgeber gewonnen, die Welt ist so weit in Ordnung und – darauf möchte ich nochmals mit Nachdruck hinweisen – es war ja bloß das Eröffnungsspiel.

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